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Lost in Media

Autor: Fritz Bias (Seite 4 von 7)

“I am an Antichrist”: Punk Science vs. Zombie Politics

Ich will jetzt mal etwas über “das Böse” schreiben. Ist das eigentlich erlaubt? So ein Griff in die oberste Schublade, “das Böse”, ja, genau, “das”, verlangt ja nach wissenschaftlicher Gründlichkeit, Philosophie, Psychologie und auch die Religion redet bei dem Thema nicht nur mit, sondern hat eigene alte Ansprüche, historisch betrachtet, handelt es sich beim Bösen um ihre Erfindung. Die Religion hat das Böse in die Welt gebracht, natürlich als Antipode zu sich selbst, aber das ändert nichts: Es gibt das Gute nur, weil das Böse existiert. Und nach ihrer ersten Hochzeit und dem anschließenden Niedergang sieht es heute so aus, als würde ein neues Zeitalter der Religion anbrechen, dieses Mal unter verkehrten Zeichen, im Namen eines bösen Gottes. Mag sein, dass es nicht stimmt, dass es viel zu pathetisch oder sogar selbst religiös erscheint, heute so auf die Welt zu blicken – nur, ist es gar kein Blick, also keine bestimmte Perspektive, die dazu führt, die heutige Welt wieder als ein religiöses Zerrbild einer viel komplexeren Realität wahrzunehmen, es ist gerade der Wunsch das nicht zu tun, die Vorstellung, dass alle Religionen doch schon lange ausgedient haben müssten, gerade diese Vorstellung macht doch vollkommen klar, dass es eben nicht so ist: Die meisten Menschen sind Gläubige, Anhänger institutionalisierter Religionen. Weiterlesen

Importweltmeister

Neulich kam in der Tagesschau die Meldung, dass die deutsche Wirtschaft wieder enorme Exportüberschüsse erwirtschaftet hätte. Seltsam, dachte ich, ist es wirklich so lange her, dass ich Nachrichten gesehen habe. Ich meinte mich nämlich daran zu erinnern, beim letzten Mal die gleiche Meldung gehört zu haben. Mir klang noch das Wort “Export-Weltmeister” in den Ohren, ein weiterer Triumph, der dem Fleiß und sicher noch anderen hervorragenden Eigenschaften der Superdeutschen zu verdanken war. Weiterlesen

Jogi Berner schwimmt nicht mehr

Ich war ein bisschen betroffen, als ich neulich einen Artikel über das Schicksal von Jogi Berner las. Der Single-Rentner hatte ein mittelmäßiges Leben geführt, voller selbstverschuldeter Langeweile. Es war ein langer Text über Einsamkeit, interkulturelle Missverständnisse und über die ganz großen, nahezu sinnlosen Fragen, die sich Herr Berner vermutlich nicht gestellt hat, weil er ausreichend mit der Bewältigung seines Alltags beschäftigt war. Das sei nicht zu kritisieren, schließlich wäre es schwer genug, die täglichen Aufgaben zu meistern, sie würden die größten und wahren Probleme aufwerfen, wie der Autor meinte. Es bliebe aber offen, ob es sich überhaupt lohnen würde, diesen stetigen Kampf gegen die Umstände zu führen, wenn nicht ein größerer, persönlicher Lebenssinn die Einzelteile zusammenhalten würde. Weiterlesen

Maulhelden

Vielleicht hab ich mich zu sehr daran gewöhnt, dass es Realitäten gibt, die nicht in mein Weltbild passen. Rechtsradikale, eigentlich ja unvorstellbar, ISIS, AfD, Investmentbanker, Drohnen, kämpfende Truppen und so weiter, kenne ich zwar alle persönlich nicht, gibt es aber angeblich trotzdem. Jedenfalls hör ich viel davon. Sogar soviel, dass ich mich frage, weshalb die in meiner Wirklichkeit überhaupt nicht vorkommen. Auf der Straße sehe ich alte Leute, die gibt es hier, da ich nicht mehr im Stadtzentrum wohne, Schulkinder auf dem Nachhauseweg und Hunde, die ausgeführt werden, auch ein Hausschwein ist dabei; auffällig sind die vielen gerade zugezogenen Studienanfänger und vielleicht auch ein paar Flüchtlinge, aber da bin ich mir nicht sicher und natürlich gibt es auch noch Weddinger Türken, die werden allerdings immer seltener. Der Freundeskreis deutscher Trinker vor dem Kiosk “Tante Emma”, der von einer indischen Familie geführt wird, hält sich seit Jahren einigermaßen stabil, ich nehme an, die Fluktuation ist groß, aber es gibt wohl ausreichend Nachwuchs. Weiterlesen

Wochen 22&23 (Mai/Juni)

Die Wochenchronik registriert die Medienprodukte, mit denen die MICHMASCHINE unablässig gefüttert wird.

  • Fest&Flauschig: Weltkrieg für Einsteiger (Streaming/Spotify) Podcast von Olli Schulz und Jan Böhmermann
  • The Big Short (DVD/Film) von Adam McKay
  • Das freundliche Gesicht der AfD (online/faz.net) TV-Kritik zur Talksendung Anne Will von Frank Lübberding
  • Kleiner Mann, warum? (online/freitag.de) Artikel von Nils Markwardt
  • Vom Leid mit den Leitmedien (online/literaturkritik.de) Rezension von Lothar Struck
  • Victor Klemperer: LTI (Buch)

große Wir, das (Wörterbuch)

Als Stilmittel politischer Rhetorik und Propaganda wird das große „Wir“ oft eingesetzt, wenn ein gesellschaftlicher Zusammenhalt behauptet werden soll, der in der Realität nicht existiert. Als ein Klassiker des großen „Wirs“ kann die Aussage gelten: „Wir müssen alle den Gürtel enger schnallen“. Damit soll der Eindruck erweckt werden, dass unter politischen Maßnahmen zu Lasten der ärmeren Bevölkerungsschichten, auch die Reichen leiden werden. Da dies faktisch und offensichtlich nie der Fall ist, kann diese stereotype Propagandalüge zwar leicht durchschaut werden, durch ständige Wiederholung soll sie dennoch unterschwellig beruhigend auf die tatsächlich Betroffenen einwirken.

Ein weiteres und allgemein bekanntes Beispiel ist die Standardformel: „Wir lassen uns unsere freie Lebensweise nicht von Terroristen nehmen“. In diesem Fall wird das große „Wir“ dazu benutzt, um nach Terroranschlägen oder Angriffen durch einen äußeren Feind, für bestimmte Bevölkerungsgruppen (ethnische Minderheiten, Flüchtlinge, Jugendliche, Arme, Radikale, Asoziale etc.) genau die Freiheiten einzuschränken, die angeblich geschützt werden sollen. Ebenfalls wird nach Terroranschlägen gern behauptet, sie seien „Angriffe auf unsere gemeinsamen Werte“ gewesen.  Diese Leerform kann je nach Bedarf mit verschiedenen Bedeutungen gefüllt werden, was meist der Fantasie des Publikums selbst überlassen bleibt. Die propagandistische Funktion dieser Formulierung besteht zunächst darin, „uns“ alle zu Opfern des Terrors zu machen, indem sie eben nicht auf die Toten und Verletzten hinweist, sondern auf unsere ideologische Wertegemeinschaft, das große Wir, das damit zum eigentlichen Ziel der Terroristen erklärt wird.  Der reale Gewaltakt wird mit dieser Aussage um eine symbolische Bedeutung erweitert,  die nahe legt, dass die ideelle Existenz von Werten genau in der gleichen Weise ausgelöscht werden kann, wie es mit Menschen oder materiellen Werten geschieht. Tatsächlich können normative Werte zwar selbst aufgegeben, aber nicht von einem äußeren Feind zerstört werden, und so dient die Sprachfigur vom „Angriff auf unsere Werte“ vor allem als ein Ablenkungsversuch, der darüber hinwegtäuschen soll, dass wir uns selbst nicht mehr an die gemeinten Werte halten.

„Das große Wir“ erfüllt damit den Zweck, politische und ökonomische Interessen der Machtbesitzenden und Herrschenden so zu deklarieren, als wären sie aller Vernunft nach im Sinne der gesamten Gesellschaft.

Wochen 20 & 21(Mai)

Die Wochenchronik registriert die Medienprodukte, mit denen die MICHMASCHINE unablässig gefüttert wird.

  • Wild (Kino) Film von Nicolette Krebitz
  • Bernard Maris: Michel Houllebecq, Ökonom (Buch)
  • Ewige Jugend (DVD) Film von Paolo Sorrentino
  • Die Überlebenden des Zauberbergs lassen grüßen (online/faz.net) Filmkritik von Andreas Kilb zu „Ewige Jugend“ von Paolo Sorrentino
  • Ich bin von jeder Ankunft weit entfernt (online/faz.net) Interview von Julia Encke mit Judith Hermann
  • Populismus. Die Geburtsstunde der Alternativlosigkeit (online/freitag.de) Blog-Beitrag von Sven Kerkof
  • Alexandra Kleemanns Roman „A wie B und C“: Essgestört und aufs Fernsehen fixiert (online/süddeutsche.de) Rezension von Meredith Haaf
  • Xavier Naidoo: Einer wie Jesus – verhetzt, weil er für den Frieden ist (online/Übermedien) Artikel von Stefan Niggemeier
  • Fest&Flauschig: The Big Empty (Streaming-Dienst/spotify) Podcast von Olli Schulz und Jan Böhmermann

 

Rechter Schenkel, linker Schenkel (TV/ARD) Beitrag in den Tagesthemen

Rüdiger Grube ist zu Besuch in Bayern. Nicht irgendwo, bei irgendwem, sondern im Keller des Ministerpräsidenten. Horst Seehofer empfängt den Chef der Deutschen Bahn allerdings nicht in politischer Mission, dieses Mal ist er einfach nur stolzer Modellbahner. Grube ist beeindruckt von den Ausmaßen der Bahnanlage. Seehofer erklärt sein geheimes Lebenswerk: Die Anlage stellt in nicht unerheblichen Teilen seine politische Biografie nach. Rechter Schenkel – Bonn, linker Schenkel – Bayern. Am Endbahnhof warten zwei Figuren. Die Playmobil-Kanzlerin ist nicht maßstabsgetreu, sie steht wie Godzilla am Bahnsteig. Daneben ein kleiner Sigmar Gabriel aus dem 3-D-Drucker. Seehofer lächelt und zeigt diesen merkwürdig seligen Ausdruck, den man von ihm schon oft gesehen hat, bei Interviews oder kurzen Pressestatements nach langen Sitzungen. Hier hat er den also her, im Keller ist er Mensch.

Allgemeine Michwissenschaft I

Wie und ob die Michmaschine zu gebrauchen ist.

Waffenbesitzer behaupten gern, dass nicht Waffen an sich gefährlich sind, sondern die Menschen, die sie missbrauchen. Der Mensch ist demnach potentiell böse, die Mittel aber, die er für seine Schandtaten nutzt, sind ethisch neutral, also moralisch nicht verantwortlich zu machen, weil sie nur Dinge sind. Und Dinge können eben nicht handeln, haben keinen eigenen Willen usw. Das hört sich plausibel an, ist aber total falsch und millionenfach widerlegt.

Wer trotzdem daran glaubt, hält Medien wahrscheinlich auch für Transportmittel für Informationen. Beide Ansichten werden in der allseits technisch reduzierten Gegenwart noch oft vertreten, ohne Widerspruch zu bekommen. Dem technischen Verstand erscheint diese einfache Rechnung nur logisch. Weiterlesen

Wochen 18 &19 (Mai)

Die Wochenchronik registriert die Medienprodukte, mit denen die MICHMASCHINE unablässig gefüttert wird.

  • Karen Duve: Keine Ahnung (Buch) Erzählungen
  • Wolfgang Herrndorf: Bilder einer großen Liebe (Buch) Roman
  • Die Würde des Menschen ist kein Beauty Contest (online/Spiegel) Kolumne von Georg Diez
  • Michael Klonovsky: Der AfD-Mann vom „Focus“ und sein rassistisches Fanal (online/Übermedien) Kommentar von Michalis Pantelouris
  • Michel Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel (Buch) Roman
  • Wer hat Angst von Sibylle Berg? (Kino/Film) Dokumentarfilm von Wiltraut Baier und Sigrun Köhler
  • „Wer hat Angst vo Sibylle Berg?“ ist leider misslungen (online/morgenpost.de) Filmkritik von Matthias Wulff
  • Fest & Flauschig (online/Spotify) Podcast von Olli Schulz und Jan Böhmermann
  • Fest & Flauschig: Böhmermann: Er will doch nur spielen (online/SZ.de) Kritik von Felix Hütten
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